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Das Bild zeigt eine Darstellung des Guten Hirten mit seinen Schafen aus dem 19. Jahrhundert in den Vatikanischen Museen
 

Wortbrücke zum Sonntag Miserikordias Domini – Sonntag des Guten Hirten – 19. April 2026

Christus spricht: Ich bin der gute Hirte. Meine Schafe hören meine Stimme, und ich kenne sie und sie folgen mir; und ich gebe ihnen das ewige Leben.
(Wochenspruch Johannes 10, 11a.27-28a)


Von Jesus Christus gibt es die verschiedensten Darstellungen, die über die Jahrhunderte und bis heute ganz unterschiedliche Aussagen über den Prediger aus Nazareth machen, in welchem die Christenheit Gottes Sohn, ja, Gott selbst auf Erden und als Mensch sieht. Wir kennen ihn als Krippenkind von Bethlehem und als Gekreuzigten von Golgatha, mal überwindend und triumphierend, mal leidend und qualvoll sterbend, mal als Auferstandenen mit Maria Magdalena (wir haben hierzu ein großartiges Tympanon im südlichen Chorumgang), mal lehrend bei der Bergpredigt, mal die Kinder herzend. Alles das (und noch viel mehr) ist Jesus. Eine der ältesten Darstellungen überhaupt ist die vom Guten Hirten, häufig mit einem Lamm in den Armen oder gar über die Schultern gelegt. Der Gute Hirte ist ein Bild des Vertrauens, der Zuwendung, aber auch des Schutzes. Dazu kommt, dass der 23. Psalm der hebräischen Bibel sich im christlichen Glauben wie in der christlich geprägten Kultur so eingeprägt hat wie kein anderer. Selbst kirchenferne Menschen haben die Zeile „Der Herr ist mein Hirte, mir wird nichts mangeln“ gehört, und die Christenmenschen werden bis heute davon angesprochen.

Der Hirte und seine Sorge für seine Schafe ist ein uraltes Bild, ein uralter Typos. Natürlich konnten in einer agrarischen Gesellschaft von Urzeiten bis ins 20. Jahrhundert alle mit diesem Bild etwas anfangen und es leicht auf das Verhältnis zwischen Gott und Mensch, besser, auf ein liebevolles, sorgendes, vertrauensvolles Verhältnis zwischen Gott und Mensch, wie es von Jesus gelehrt und gelebt wurde, übertragen. Aber auch heute noch ziehen Schafherden übers Land, auch bei uns, durch die Börde und durch die Altmark, und die Schäfer haben ein besonderes Verhältnis und eine besondere Gemeinschaft zu und mit den Tieren, die klug sind und ihren Schäfer kennen – und ihm folgen (und die Hütehunde wollen wir nicht vergessen). Einmal durfte ich in Syrien beobachten, wie ein Schäfer, der mit seiner Herde weiterziehen wollte, ein sehr junges Lamm, dass noch nicht mithalten konnte, vorne in seiner Jacke barg und auf dem Weg mitnahm. Das war das ansprechende und berührende Bild des Guten Hirten live, und die Worte des Psalms wie des Johannesevangeliums wurden sehr lebendig, präsent, verstehbar und – innerlich ansprechend.

Nein, wir sind keine „dummen Schafe“ oder eine „blökende Herde“, wenn wir unsern Gott in Jesus Christus als lebensleitenden Hirten erkennen. Erstens sind Schafe eben nicht dumm, sondern wissen genau, warum sie sich an ihren Schäfer, ihren Hirten halten. Das gilt dann auch für die Herde als Ganzes. Der Weg der Herde durchs Leben verändert sich immer wieder, und Gemeinschaft und Individualität (auch Schafe sind eigenständige Wesen) kommen im Großen und im Kleinen zusammen. Der Hirte hat den Überblick, aber er legt die Schafe auch nicht an eine Leine, sondern lässt sie grasen. Das sind alles Bilder, zu denen wir eine Verbindung aufbauen können. Schauen wir noch einmal den Wochenspruch an: Der Hirte, Gott in Jesus, ist gut, denn er leitet im Sinne der Herde, der Menschen. Die Herde, die Menschen folgen ihm, weil sie ihn so kennen (ein Schaf und eine Herde folgen freiwillig nur dem Hirten, den sie kennen und dem sie vertrauen, durch Erfahrung wie durch Einbindung). Das Ergebnis ist Begleitung durch die Gefahren wie durch die schönen Seiten des Lebens, und eine Verheißung über das Leben hinaus. Das ist doch schon eine Besonderheit! Doch, Christenmenschen können ganz bewusst und gewollt ganz kluge Schafe sein, sie können vertrauen und Zuwendung erleben. Und der Gute Hirte, der freut sich mit uns und führt uns auf die grüne Aue und zum frischen Wasser. Wirklich!

Stephen Gerhard Stehli
stellvertretender Domgemeindekirchenratsvorsitzender