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Duccio di Buoninsegna,
Die Versuchung Christi
auf dem Berge (1308-1311)
(New York, Frick Collection)


 

Wortbrücke zum Reformationstag (31.10.2022)

Sonderbare Zeiten erleben wir. Längst überwunden Geglaubtes kehrt wieder: Krieg in Europa mit der Möglichkeit einer atomaren Eskalation. Anderes wie die Krise unseres globalen Klimas, deren Auswirkungen wir bislang nur ahnen können, wird in den Hintergrund gedrängt. Was haben diese kollektiven Krisen mit uns und unserer individuellen Ahnung, dass der Teufel im Detail - also (auch) in uns - steckt, zu tun?

Wenn wir uns von Martin Luther an der Hand nehmen und uns Zuversicht einerseits und Anfechtung andererseits von ihm zeigen lassen wollen, werden wir zuerst auf die Versuchung im Schlepptau der Anfechtung stoßen. Wir beten zwar am Ende eines jeden Gottesdienstes im Vaterunser „und führe uns nicht in Versuchung“, aber solange wir dabei nicht an mehr denken als an einige lässliche Sünden, entgeht uns die eigentliche Dimension der Bedrohung - wie des Gebets. Denn niemand bleibt davon verschont. Selbst Jesus von Nazareth wird vom Teufel in der Wüste in Versuchung geführt.

Die Pointe bei Luthers Lied und Theologie ist nun diese: Das Gottvertrauen ist für Luther nicht das bloße Gegenteil der Anfechtung, sondern kann nur aus ihr entwachsen. Die Anfechtung ist ihm die unumgängliche Voraussetzung, Gottes Wort und Zuspruch überhaupt erst richtig zu verstehen. Und deshalb konnte Luther in der Vorrede zum 1. Band der deutschen Schriften schreiben: Die Anfechtung „ist der Prüfstein, der dich nicht allein wissen und verstehen lehrt, sondern auch erfahren, wie recht, wie wahrhaftig, wie süß, wie lieblich, wie mächtig, wie tröstlich Gottes Wort sei, Weisheit über alle Weisheit.“

Ich wünsche Ihnen, dass Sie Trost in Gottes Wort finden und mit mir heiter bleiben in sonderbaren Zeiten.

Ihr Friedrich Kramer, Erster Domprediger und Landesbischof